Montag, 30. März 2026
Wer kennt Lennart Schilgen? Wer nicht, ist arm dran.
Kleinkunst führt ihr Paradoxon im Wort. Sie darf gern, muss womöglich notwendig klein sein, aber gleichwohl Kunst. Kleine Kunst ist keine, große ist nicht klein. Was Lennart Schilgen auf die Bühne zaubert, schafft mit ganz kleinen Mitteln sehr große Kunst.
Der Auftritt ist geradezu wohltuend unbeholfen schüchtern. Schilgen spult keine Routine ab, sondern sucht seinen festen Stand noch. Und: Er findet ihn! Brillantes Gitarrenspiel, virtuoses Klaviertraktieren und die Kraft, in seinen Gedichten auch den schlichten Vierzeiler zu ehren, helfen seinen pointierten Texten so schnell auf die Sprünge, dass das Publikum hörbar »mitgeht«. Das liegt neben der überzeugenden Präsentation von Liedern und Texten auch an einem weiteren geradezu einmaligen Qualitätsmerkmal: Schilgen bleibt – getreu seinem Motto »Verklärungsbedarf« – konsequent beim Blick nach innen, in Erlebnisse, Empfindungen, Seelen. Wohlfeil am Wegesrand sich darbietende politische oder sexuelle Themen verschmäht er souverän, weil er sie nicht nötig hat, um zu berühren. Seine Schlaglichter auf das Menschsein treffen jeden im Publikum beim Selbsterkennen, vielleicht nur hier und da, aber immer wieder. Fein beobachtet, kunstvoll herausmodelliert, mit intelligenten Wendungen und Höhepunkten. Was mehr könnte man von einem Theaterabend erwarten?
Diesem jungen Mann flogen die Sympathien des Auditoriums spürbar und nachvollziehbar zu, ohne dass er darum bitten musste. Es gibt sich einfach so, wie er ist, und das ist begeisternd. Wie schön wäre es, könnte er sich diese Eigenheit auf seinem wohl unvermeidlichen Erfolgsweg bewahren. Ein erster Schritt gelang ihm bereits durch seine stilvollendete »Abrechnung« mit seinem geradezu hörbaren Vorbild »… als ich Post von Reinhard Meys Anwälten bekam«. Auch da hatte Schilgen das Publikum unerbeten auf seiner Seite, was den Überflieger aller deutschen Liedermacher bedauerlicherweise, aber selbstverschuldet eher klein(lich) aussehen ließ. Bach wäre stolz darauf, was aus seiner Kunst alles Gutes nachgemacht wurde – Mey ist offenbar doch kein Bach. Schilgen hat die musikalischen Qualitäten, die sprachliche Subtilität und die menschliche Größe, ein würdiger Nachfolger zu werden.
Wolfgang Benesch