Elitär, aber wenigstens reichlich

Donnerstag, 23. April 2026

 

Christine Prayon balanciert zwischen Mutmachelegie und Zumutung


Nach-richten und -denken »aus Ihrer Region, Deutschland und der Welt« sind der wenig zündende, aber konsequente Leidfaden in Prayons Abrechnung mit den Dingen, wie sie sind. Sie bombardiert mit Grundfragen, deren Genauigkeit und Gewicht man in dieser Wucht kaum zu entschlüsseln vermag. Das eher betretene Schweigen des Auditoriums konnte an der wie selbstverständlichen Erwartung, dass man gefälligst geistig in der Lage und zugleich bereit ist, sich dem wohlwollend auszusetzen, nur zerschellen. Die Erkenntnis, dass es auf all das Unverstandene noch nicht einmal eine Antwort gibt, auch von der Künstlerin nicht, ließ für viele das Frustfass vorzeitig überlaufen.
Die intensiven Gedankenkaskaden über Systeme, ihre Protagonisten und Profiteure lohnten das Zuhören trotz der anstrengend dichten Langatmigkeit. Die fiktiven Interviews in Prayons Chaos-Radio waren nicht nur gekonnt gespielt, sie brachten die Dinge auch genau auf den entlarvenden Punkt, der allerdings ebenfalls keineswegs lustig war. Im schlichten Schwarzweiß geklöppelte »Lösungen« genügen komplexen Fragen nie, das muss man nicht erst aufwendig herausarbeiten. Dass der Kapitalismus – ich ergänze: der ungesteuerte – (zu) viele Verlierer in Kauf nimmt (Achtung, Wortwitz), muss konzediert werden. Dass die Alternative Kommunismus nicht funktioniert, belegt die Geschichte und sogar Frau Prayon, wenngleich sie eine heimliche Liebe für diesen Ansatz nicht verhehlen mag. Wenn halt nur die Menschen anders wären. Und wenn halt Gandhi nicht so recht hätte, dass »Geschichte uns lehrt, dass Geschichte uns nichts lehrt«. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen.
Eine halbe Legion Aufrechter blieb dann doch bei der hochrangigen politisch-philosophischen Vorlesung, passend fast ausschließlich ex cathedra präsentiert. Der unterlegte Humor war dabei so fein, dass er von der ach so traurigen Erkenntnis der Unsteuerbarkeit unseres taumelnden Schiffes Gesellschaft schweigen geheißen wurde. Das strengte an, entsprach aber dem Befund: Bei Licht besehen – und die Prayon sieht vielleicht einseitig, aber sehr klar – gibt es nichts zu lachen. Ob man diese Erkenntnis unter dem Rubrum Comedy verkaufen kann, wenn nicht gar darf, blieb indes auch für die gutwillig Mitdenkenden fragwürdig.

Wolfgang Benesch

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